Architekturpsychologie
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Aktualisiert: vor 4 Stunden
Erkenntnisse für eine gesunde Arbeitsumgebung
Bei einem gesunden Arbeitsplatz denken viele direkt an höhenverstellbare Schreibtische und ergonomische Bürostühle oder Tastaturen. Doch auch gestalterische Faktoren der Arbeitsumgebung können beeinflussen, wie wohl wir uns fühlen, wie produktiv wir arbeiten und wie wir mit Stress umgehen. Mit diesen Faktoren beschäftigt sich unter anderem die Architekturpsychologie. Sie untersucht das Erleben und Verhalten von Menschen in gebauten Umwelten und versucht, dieses zu beschreiben, zu erklären, vorherzusagen und zu verändern (Richter, 2009, S. 21). Mensch und Umwelt stehen hierbei in einer wechselseitigen Beziehung und beeinflussen sich gegenseitig (Richter, 2009).

Das Spektrum der untersuchten Phänomene ist dabei weitreichend. Es betrifft Aspekte, die unser Erleben beeinflussen, wie Wahrnehmung und Kognition, aber auch emotionale und soziale Prozesse (Richter, 2009). So kann beispielsweise die Farbwirkung relevant sein, wobei die Wirkung wiederum von verschiedenen Rahmenbedingungen abhängt (Elliot & Maier, 2014).
Auf Verhaltensebene spielen unter anderem Phänomene wie Privatheit oder Dichte/Crowding eine Rolle (Richter, 2009). Letzteres unterscheidet beispielsweise objektive Dichte – wie viele Personen sich in einem Raum befinden – und Crowding – das subjektive Gefühl der räumlichen Enge (Stokols, 1972). Diese Aspekte bilden jedoch nur einen kleinen Ausschnitt der architekturpsychologischen Forschung ab, die von theoretischen Modellen bis zur nutzerorientierten Planung reicht (Richter, 2009).
Im beruflichen Kontext untersucht die Architekturpsychologie, wie Arbeitsumgebungen auf Menschen wirken und wie diese effizient und gesundheitsförderlich gestaltet werden können (Gauer, 2026, S. 1). Aus der Vielzahl architekturpsychologischer Erkenntnisse und Studien werden im Folgenden vier Beispiele exemplarisch herausgegriffen und genauer beleuchtet.
Biophilic Design
Es geht nicht nur um Pflanzen, sondern um ein ganzes Gestaltungskonzept
Beim Biophilic Design werden gezielt natürliche Elemente in gebaute Umwelten integriert – beispielsweise natürliches Licht, Pflanzen, der Ausblick nach draußen, natürliche Materialien wie Holz, Stein oder Leder sowie naturnahe Farbtöne, wobei hier vor allem das Zusammenspiel der Elemente zu einem ganzheitlichen System wichtig ist (Kellert & Calabrese, 2015).
Und dieser Ansatz zeigt Wirkung: Natürliche Elemente in Büroumgebungen können einen positiven Effekt auf mentales Wohlbefinden und Zufriedenheit haben (Zhang et al., 2023). Zudem können biophil gestaltete Umgebungen positive Emotionen sowie das Kurzzeitgedächtnis fördern, den Blutdruck senken (Yin et al., 2018) und die Erholung von Stress und Angst unterstützen (Yin et al., 2020).
Übersicht und Rückzugsmöglichkeiten
Die Ausrichtung des Schreibtischs könnte tatsächlich einen Unterschied machen
Warum sind manche Arbeitsplätze angenehmer als andere? Nach der Prospect-Refuge-Theorie von Appleton fühlen sich Menschen in Umgebungen besonders wohl, die sowohl einen Überblick über das Umfeld als auch Schutz und Rückzugsmöglichkeiten bieten (Dosen & Ostwald, 2016).
So kann allein die Ausrichtung des Schreibtisches eine Rolle spielen: Mitarbeitende bewerten die Teamarbeit positiver, wenn sie an ihrem Schreibtisch einen Großteil des Raumes vor statt hinter sich haben (Sailer et al., 2021). Genauso wichtig wie der Überblick scheint aber auch der Rückzug zu sein: In offenen Bürokonzepten können ausreichend und leicht zugängliche Ruheräume verhindern, dass das Stresserleben steigt und die Zufriedenheit mit der Arbeitsumgebung sowie die wahrgenommene Zusammenarbeit sinkt (Haapakangas et al., 2018).
Soziale Kontakte
Bürogestaltung kann Begegnungen fördern. Sogar über die Position des Druckers
Ebenso wichtig wie Rückzugmöglichkeiten bei der Arbeit ist aber auch der Kontakt zu Kolleg*innen. Positiv erlebte informelle Interaktionen, also nicht arbeitsbezogene Gespräche zwischen Mitarbeitenden, können die Arbeitszufriedenheit vorhersagen (Winslow et al., 2019).
Wie lassen sich nun solche Interaktionen fördern?
Interviews mit Innenarchitekt*innen zeigten: durch die gezielte Gestaltung von Büros (Colenberg et al., 2024). Dazu gehören beispielsweise Bereiche für Gemeinschaftsaktivitäten mit Spielen oder andere Ausstattungen und Begegnungsorte mit ausreichend Privatsphäre. Außerdem kann die zentrale Platzierung häufig genutzter Einrichtungen, wie Drucker oder Kaffeemaschine – beispielhaft in Nischen – informelle Begegnungen fördern. So werden Laufwege bewusst gelenkt und ein Zusammentreffen wahrscheinlicher (Colenberg et al., 2024).
Personalisierung des Arbeitsplatzes
Persönliche Gegenstände sind nicht nur Deko
Neben Pflanzen, Überblick und Rückzugsorten sowie Begegnungsmöglichkeiten kann auch die Personalisierung des Arbeitsplatzes eine wichtige Rolle spielen. Die Platzierung von individuellen Gegenständen wie Fotos, Souvenirs oder Urkunden kann das Wohlbefinden fördern: durch persönliche Gestaltung sind Menschen zufriedener mit der Arbeitsumgebung. Dies kann wiederum die Arbeitszufriedenheit erhöhen und dadurch das Wohlbefinden positiv beeinflussen (Wells, 2000).
Drei Ideen für den Arbeitsplatz:
Mehrere natürliche Elemente integrieren und kombinieren, beispielsweise Pflanzen, Tageslicht, Holzelemente
Schreibtisch – wenn möglich – so ausrichten, dass Sie den Raum gut überblicken können
Arbeitsplatz mit persönlichen Gegenständen wie Fotos oder Urkunden gestalten
Die vorgestellten Befunde zeigen: eine Kombination aus natürlichen Elementen, persönliche Deko oder die Möglichkeit für Rückzug und Begegnung kann dazu beitragen, eine Arbeitsumgebung zu schaffen, in der sich Menschen wohl fühlen. Es kommt aber nicht nur darauf an, was sich im Büro befindet, sondern auch darauf, wie und wo es platziert ist: ob der Schreibtisch zum Raum ausgerichtet ist und einen Überblick bietet oder der Drucker an einem Ort steht, an dem Gespräche entstehen können.
Auch wenn unser Wohlbefinden am Arbeitsplatz von vielen verschiedenen individuellen, sozialen und organisatorischen Faktoren abhängt, können kleine Veränderungen einen positiven Beitrag leisten.
Dieser Beitrag wurde von Lilly Dalhoff verfasst und von Melanie Faltermeier veröffentlicht.
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Quellen:
Colenberg, S., Appel-Meulenbroek, R., Romero Herrera, N., & Keyson, D. (2024). Interior designers’ strategies for creating social office space. Ergonomics, 67(7), 995–1007. https://doi.org/10.1080/00140139.2023.2270788
Dosen, A. S., & Ostwald, M. J. (2016). Evidence for prospect-refuge theory: a meta-analysis of the findings of environmental preference research. City, Territory and Architecture, 3(1), 1. https://doi.org/10.1186/s40410-016-0033-1
Elliot, A. J., & Maier, M. A. (2014). Color Psychology: Effects of Perceiving Color on Psychological Functioning in Humans. Annual Review of Psychology, 65(1), 95–120. https://doi.org/10.1146/annurev-psych-010213-115035
Gauer, S. (2026). Architekturpsychologie Als Erfolgsfaktor!: Wie Räume Produktivität, Gesundheit und Unternehmenserfolg Steuern (1. Aufl.). Springer Berlin / Heidelberg. https://doi.org/10.1007/978-3-662-72370-8
Haapakangas, A., Hongisto, V., Varjo, J., & Lahtinen, M. (2018). Benefits of quiet workspaces in open-plan offices – Evidence from two office relocations. Journal of Environmental Psychology, 56, 63–75. https://doi.org/10.1016/j.jenvp.2018.03.003
Kellert, S. R., & Calabrese, E. F. (2015). The practice of biophilic design. Terrapin Bright LLC.
Richter, P. G. (Hrsg.). (2009). Architekturpsychologie: Eine Einführung (3. überarb. u. erw. Aufl.). Pabst Science Publishers.
Sailer, K., Koutsolampros, P., & Pachilova, R. (2021). Differential perceptions of teamwork, focused work and perceived productivity as an effect of desk characteristics within a workplace layout. PLOS ONE, 16(4), e0250058. https://doi.org/10.1371/journal.pone.0250058
Stokols, D. (1972). On the distinction between density and crowding: Some implications for future research. Psychological Review, 79(3), 275–277. https://doi.org/10.1037/h0032706
Wells, M. M. (2000). Office clutter or meaningful personal displays: The role of office personalization in employee and organizational well-being. Journal of Environmental Psychology, 20(3), 239–255. https://doi.org/10.1006/jevp.1999.0166
Winslow, C. J., Sabat, I. E., Anderson, A. J., Kaplan, S. A., & Miller, S. J. (2019). Development of a Measure of Informal Workplace Social Interactions. Frontiers in Psychology, 10, 2043. https://doi.org/10.3389/fpsyg.2019.02043
Yin, J., Yuan, J., Arfaei, N., Catalano, P. J., Allen, J. G., & Spengler, J. D. (2020). Effects of biophilic indoor environment on stress and anxiety recovery: A between-subjects experiment in virtual reality. Environment International, 136, 105427. https://doi.org/10.1016/j.envint.2019.105427
Yin, J., Zhu, S., MacNaughton, P., Allen, J. G., & Spengler, J. D. (2018). Physiological and cognitive performance of exposure to biophilic indoor environment. Building and Environment, 132, 255–262. https://doi.org/10.1016/j.buildenv.2018.01.006
Zhang, X., Du, J., & Chow, D. (2023). Association between perceived indoor environmental characteristics and occupants’ mental well-being, cognitive performance, productivity, satisfaction in workplaces: A systematic review. Building and Environment, 246, 110985. https://doi.org/10.1016/j.buildenv.2023.110985



