Movember - Warum Männergesundheit in die Arbeitswelt gehört
Ein wirtschaftspsychologischer Blick auf Daten, Mechanismen und das, was Führungskräfte und HR konkret tun können.
Jeden November lassen sich weltweit Männer einen Schnurrbart wachsen. Die Idee entstand 2003 in Melbourne, als zwei Freunde 30 Männer überredeten, sich einen Schnurrbart stehen zu lassen (Movember, 2015). Heute fördert die Movember-Stiftung Projekte in drei Bereichen: Prostatakrebs, Hodenkrebs sowie psychische Gesundheit und Suizidprävention (Movember, o. J.).

Der November bündelt das Thema zusätzlich mit zwei Aktionstagen, die oft verwechselt werden:
Weltmännertag (3. November): Er wird seit 2000 jährlich begangen, Schirmherr war Michail Gorbatschow (Schulenborg, 2017). Die Initiative ging von Andrologen der Universität Wien aus („Weltmännertag – 3. November“, o. J.). Im Mittelpunkt stehen Gesundheitsbewusstsein, Vorsorge und eine realistische Einschätzung der eigenen Gesundheitsrisiken (Schulenborg, 2017).
Internationaler Männertag (19. November): Er geht auf Jerome Teelucksingh aus Trinidad und Tobago zurück und wird seit 1999 begangen. Er ist breiter angelegt: Neben körperlicher und psychischer Gesundheit geht es um Vaterschaft, Bildung und den Abbau von Rollenklischees (Kratzenberg, 2025).
Zusammen spannen Movember und die beiden Männertage genau den Bogen, um den es in diesem Beitrag geht: von der Vorsorge über die Psyche bis zu den Männlichkeitsbildern, die beides beeinflussen.
Aus wirtschaftspsychologischer Sicht ist der Movember mehr als eine Charity-Kampagne. Er legt ein strukturelles Problem offen: Männer sterben früher, suchen seltener Hilfe und werden mit psychischen Belastungen häufiger übersehen – auch am Arbeitsplatz. Dieser Beitrag ordnet die Datenlage ein, erklärt die psychologischen Mechanismen dahinter und zeigt, wo Organisationen und Führungskräfte wirksam ansetzen können.
Die Datenlage: eine stille Gesundheitslücke
Vier Befunde zeigen, wie groß die Gesundheitslücke zwischen Männern und Frauen ist – und warum sie so leicht übersehen wird:
Männer leben kürzer: Die Lebenserwartung bei Geburt lag in Deutschland 2025 für Männer bei 79,1 Jahren, für Frauen bei 83,6 Jahren. Das ist ein Unterschied von 4,5 Jahren (Statistisches Bundesamt [Destatis], 2026a).
Männer sterben häufiger durch Suizid: 2025 nahmen sich in Deutschland 11.334 Menschen das Leben. 7.846 davon waren Männer – mehr als zwei von drei Fällen (Destatis, 2026b).
Männer erhalten seltener die Diagnose Depression: In der bundesweiten Gesundheitsbefragung GEDA 2009/2010 berichteten Frauen häufiger als Männer von einer ärztlich diagnostizierten Depression (Müters et al., 2013).
Männer sind aber nicht seltener betroffen: Eine repräsentative US-Studie mit 5.692 Befragten zählte zusätzlich typisch männliche Symptome wie Wutanfälle, Aggression, Substanzkonsum und Risikoverhalten mit. Dann erfüllten 30,6 % der Männer und 33,3 % der Frauen die Kriterien einer Depression – der Unterschied war statistisch nicht mehr signifikant (Martin et al., 2013).
Erst zusammen ergeben diese Befunde das eigentliche Warnsignal:
Männer sind nicht zwingend seltener depressiv. Ihre Depression zeigt sich oft anders und wird deshalb leichter übersehen – mit teils tödlichen Folgen.
Warum Männer anders leiden: psychologische Mechanismen
Die Forschung zu Männlichkeitsnormen bietet drei gut belegte Erklärungsansätze (Martin et al., 2013; Pleck, 1995; Wong et al., 2017).
1. Normkonformität schadet – vor allem der Anspruch, alles allein zu schaffen.
Eine Metaanalyse von Wong et al. (2017) mit 78 Stichproben und 19.453 Personen zeigt:
Je stärker Männer traditionellen Männlichkeitsnormen folgen, desto schlechter ist ihre psychische Gesundheit und desto geringer ihre Bereitschaft, psychologische Hilfe zu suchen.
Am robustesten wirkte unter anderem die Norm „Ich regle das allein“ (self-reliance). Die Norm „Arbeit hat Vorrang“ (primacy of work) hing dagegen mit keinem der untersuchten Gesundheitsmaße signifikant zusammen (Wong et al., 2017). Ein systematisches Review zeigt, dass Männlichkeitsnormen die Hilfesuche bei Depression maßgeblich prägen und häufig erschweren (Seidler et al., 2016).
2. Gender Role Strain
Nach Pleck (1995) entsteht Rollenbelastung unter anderem, wenn Männer Rollenerwartungen dauerhaft nicht erfüllen können (discrepancy strain) oder wenn schon die Erfüllung traditioneller Ideale schädlich ist (dysfunction strain). Wer sich über Stärke, Kontrolle und Versorgerrolle definiert, kann Jobverlust, Krankheit oder Überforderung daher als Bedrohung der eigenen Identität erleben.
3. Maskierte Depression
In einer qualitativen Interviewstudie berichteten depressive Männer von der Sorge, als „unmännlich“ oder nicht leistungsfähig zu gelten; viele versuchten zunächst, ihre Symptome allein zu bewältigen (Staiger et al., 2020). Belastung zeigt sich bei Männern zudem häufiger in externalisierenden Symptomen wie Wutanfällen, Aggression, Substanzkonsum und Risikoverhalten (Martin et al., 2013). Diese Signale fallen durch klassische Diagnosekriterien leicht durch – und im Betrieb werden sie schnell als Verhaltens- oder Leistungsproblem gedeutet statt als Gesundheitsthema.
So kann ein Teufelskreis entstehen:
Belastung wird nicht benannt, nicht erkannt und nicht behandelt, bis sie in eine Krise, lange Arbeitsunfähigkeit oder im schlimmsten Fall in einen Suizid mündet.
Der Arbeitsplatz: Risikofaktor und Schutzraum zugleich
Arbeit spielt für die psychische Gesundheit vieler Männer eine besondere Rolle. In derselben Studie beschrieben die Männer auch die Angst, als arbeitsunfähig zu gelten; für manche wurde die Depression später zum Anlass, schädliche Arbeitsgewohnheiten zu verändern (Staiger et al., 2020). Der Arbeitsplatz ist damit ein Ort, an dem Belastung sichtbar wird und an dem sie gleichzeitig aufgefangen werden kann.
Als Risikofaktor wirkt Arbeit dort, wo hohe Anforderungen auf geringen Entscheidungsspielraum treffen (Karasek, 1979) oder hoher Einsatz nicht angemessen belohnt wird (Siegrist, 1996). Aus der Beratungspraxis kommt hinzu: In Leistungskulturen, in denen Präsentismus belohnt und über Belastung geschwiegen wird, verstärkt sich die Norm „Nie Schwäche zeigen“.
Als Schutzraum wirkt Arbeit dort, wo dieselben Faktoren als Ressource vorhanden sind: ausreichender Entscheidungsspielraum (Karasek, 1979) und eine faire Balance zwischen Einsatz und Anerkennung (Siegrist, 1996).
Die Gefährdungsbeurteilung verpflichtet Arbeitgeber, auch psychische Belastungen bei der Arbeit zu beurteilen (Arbeitsschutzgesetz, 1996, § 5 Abs. 1 und Abs. 3 Nr. 6). Sie ist das Instrument, um Risiken und Ressourcen systematisch sichtbar zu machen. In der Praxis werden Ergebnisse jedoch selten nach Tätigkeitsgruppen und Geschlecht differenziert ausgewertet. Gerade in männerdominierten Bereichen wie Technik, Produktion, Logistik, Einsatzdiensten oder Vertrieb lohnt dieser Blick (wenn explizit gewünscht).
Was Organisationen und Führungskräfte tun können
Eine zentrale Stellschraube sind Führungskräfte. In einer cluster-randomisierten kontrollierten Studie bei Fire & Rescue NSW erhielten Manager ein vierstündiges Mental-Health-Training. Danach sank die arbeitsbedingte Fehlzeit in ihren Teams um 18 %, in der Kontrollgruppe stieg sie um 10 %. Jeder investierte australische Dollar brachte 9,98 Dollar zurück (Milligan-Saville et al., 2017).
Daraus lassen sich fünf Ansatzpunkte ableiten:
Führungskräfte befähigen, „männliche“ Warnsignale zu lesen
Wutanfälle, aggressives Verhalten, vermehrter Substanzkonsum oder riskantes Verhalten können Ausdruck einer Depression sein (Martin et al., 2013). Sie sind Gesprächsanlässe, nicht nur Disziplinarthemen.
Hilfe anschlussfähig gestalten
Männer bevorzugen in der Behandlung einen transparenten, strukturierten und handlungsorientierten Ansatz mit klaren Zielen und sichtbaren Fortschritten (Seidler et al., 2018). Angebote, die Problemlösen und Kompetenzaufbau betonen, sind daher oft anschlussfähiger als ein allgemeiner Verweis auf „Therapie“
Stigma abbauen und Vorbilder sichtbar machen
Stigma hält Männer davon ab, Hilfe zu suchen (Staiger et al., 2020). Führungskräfte, die offen über eigene Belastung sprechen, können hier ein sichtbares Gegengewicht setzen.
Gefährdungsbeurteilung differenziert auswerten
Ergebnisse nach Tätigkeitsgruppen und, wo die Anonymität es erlaubt, nach Geschlecht betrachten und Maßnahmen gezielt ableiten.
Vorsorge strukturell erleichtern
Vorsorgeuntersuchungen während der Arbeitszeit, ein gut beworbenes Mitarbeiterberatungsprogramm (EAP) und klare Wege zu Betriebsarzt oder Ansprechpersonen senken die Hürden.
Der Movember bietet dafür einen natürlichen Aufhänger: Ein Team-Schnurrbart-Wettbewerb öffnet Türen, die ein Rundschreiben zur psychischen Gesundheit nicht öffnet.
Mehr als ein Schnurrbart
Auch Männergesundheit ist ein Fall für systematisches betriebliches Gesundheitsmanagement. Die Daten sprechen weniger für eine geringere Belastung von Männern als für eine geringere Sichtbarkeit (Martin et al., 2013; Müters et al., 2013). Organisationen, die Warnsignale lesen, Hilfe anschlussfähig machen und Führungskräfte befähigen, schützen Gesundheit und Leistungsfähigkeit zugleich.
Der Movember ist ein guter Anlass, damit anzufangen.
Wenn Sie selbst oder jemand in Ihrem Umfeld in einer Krise ist: Die TelefonSeelsorge ist rund um die Uhr erreichbar unter
0800 111 0 111 und 0800 111 0 222Dieser Beitrag wurde von Melanie Faltermeier verfasst und veröffentlicht.
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Quellen:
Arbeitsschutzgesetz vom 7. August 1996, § 5. https://www.gesetze-im-internet.de/arbschg/__5.html
Karasek, R. A., Jr. (1979). Job demands, job decision latitude, and mental strain: Implications for job redesign. Administrative Science Quarterly, 24(2), 285–308. https://doi.org/10.2307/2392498
Kratzenberg, M. (2025, 18. November). Internationaler Männertag: Die besten Sprüche zum 19. November und was dahinter steckt. GIGA. https://www.giga.de/tech/internationaler-maennertag-die-besten-sprueche-zum-19-november-und-was-dahinter-steckt--01J5QN7HWE7DPWGV2CRYCFW78Q
Martin, L. A., Neighbors, H. W., & Griffith, D. M. (2013). The experience of symptoms of depression in men vs women: Analysis of the National Comorbidity Survey Replication. JAMA Psychiatry, 70(10), 1100–1106. https://doi.org/10.1001/jamapsychiatry.2013.1985
Milligan-Saville, J. S., Tan, L., Gayed, A., Barnes, C., Madan, I., Dobson, M., Bryant, R. A., Christensen, H., Mykletun, A., & Harvey, S. B. (2017). Workplace mental health training for managers and its effect on sick leave in employees: A cluster randomised controlled trial. The Lancet Psychiatry, 4(11), 850–858. https://doi.org/10.1016/S2215-0366(17)30372-3
Movember. (o. J.). Movember 101. Abgerufen am 20. Oktober 2026, von https://ca.movember.com/media-room/movember-101
Movember. (2015, 30. Dezember). [Die Gründungsgeschichte des Movember]. https://cz.movember.com/en/news/11213/
Müters, S., Hoebel, J., & Lange, C. (2013). Diagnose Depression: Unterschiede bei Frauen und Männern. GBE kompakt, 4(2). Robert Koch-Institut. https://doi.org/10.25646/3037
Pleck, J. H. (1995). The gender role strain paradigm: An update. In R. F. Levant & W. S. Pollack (Hrsg.), A new psychology of men (S. 11–32). Basic Books.
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Seidler, Z. E., Rice, S. M., Oliffe, J. L., Fogarty, A. S., & Dhillon, H. M. (2018). Men in and out of treatment for depression: Strategies for improved engagement. Australian Psychologist, 53(5), 405–415. https://doi.org/10.1111/ap.12331
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